Der Harz. Eine für mich absolut unbekannte Region. Was weiß ich über den Harz? Der Brocken liegt mit seinen 1.141 m mitten im Harz und irgendwo in der Nähe verlief zu DDR Zeiten auch die innerdeutsche Grenze. Auch kulinarisch war diese Region für mich Niemandsland. Und einen Punkt des Fazit nehme ich vorweg: Bezüglich der regionalen Küche verpasst man im Harz, je nach persönlichem Geschmack, wenig bis überhaupt nichts!

Diese Unwissenheit gepaart mit Neugier waren für meine Frau und mich Grund genug, Mitte März 2018 im Harz eine Woche Urlaub zu verbringen. Als Quartier diente das Torfhaus Harzressort (THR). Ein Hotel mit 26 Zimmern sowie über 20 Lodges für 2 bis zu 6 Personen. Die Auswahl der Unterkunft war ein Volltreffer. Das THR liegt mitten im Nationalpark in dem kleinen Ort Torfhaus. Unser Ferienhaus (für 4 Personen) verfügte über allen erdenklichen Komfort wie Kamin, 2er Sauna, wunderschöne und funktionale Einrichtung sowie – für uns Köche wichtig – einen Induktionsherd und Backofen neuester Bauart. Insofern war unser Fortbestand für den Fall, dass alle Einkehrmöglichkeiten nichts taugen, gesichert!

So gut das THR war, so schlecht waren die Restaurants vor Ort. Sowohl das „Halali“ als auch die „Bavaria Alm“ sind große, moderne und trotzdem gemütliche Locations, die auf die günstige, schnelle Küche für Touristen abzielen. Fettige Bratkartoffeln, Pommes, Bratwurst usw. Also nichts was in puncto Qualität oder Kreativität einer Erwähnung bedürfte. Um lokale Spezialitäten zu verkosten, besuchten wir die nahe gelegenen Städtchen Goslar, Werningerode und Quedlinburg. Diese Ausflugsziele sind allesamt sehenswert und sind in den Reiseführern auch mit 2 Sternen versehen. Dort wurden wir dann auch mit authentischer Harzer Küchenkultur konfrontiert.

Im Brauhaus Goslar habe ich einen „Harzer Spezialitätenteller“ bestellt. Neben diversen Wurstspezialitäten wie Mettwurst und Sülze zierten noch Harzer Käse und ein extrem würziger Käse a la „Obatzder“ den Teller. Die Wurstspezialitäten waren o.k. aber nicht wirklich überzeugend würzig für einen positiven Überraschungseffekt. Dafür wird am Fettanteil nicht gespart. Die Käse konnte ich nur zum Teil essen, da sie einen extrem starken Geschmack hatten, der meiner Zunge nicht wirklich gefallen konnte. Man muss vermutlich schon Fan von sehr würzigen Käsesorten sein, um dies essen zu können. Ich fühlte mich direkt an die Fishermens Friend Werbung erinnert: „Sind sie zu stark, dann bist Du zu schwach“! O.k., dann war ich eben zu schwach.

Beim Bier kann man dank kleiner 0,1l Probiergläser alle verschiedenen hausgemachten Biersorten probieren, ohne beim Verlassen der Lokalität Schlangenlinie zu laufen. „Gose“ ist nicht nur ein Fluss sondern auch die historische Bezeichnung der aus Goslar stammenden obergärigen Biersorten. Mehr zum Thema „Gose“ findet man bei Wikipedia oder hier.

Die helle Gose mit dezentem Hopfengeschmack ist vermutlich an heißen Sommertagen der Durstlöscher schlechthin. Für mich durfte es aber schon die dunkle Gose sein – etwas kräftiger im Geschmack. Auch das Rammelsberger Pils war bei der Verkostung ebenfalls vertreten. Es ist leicht herb und naturtrüb und ein leckerer Essensbegleiter.

Schwierig wird es auf dem stillen Örtchen des Brauhauses Goslar. Die Männer werden aufgefordert, Gose und Rammelsberger Pils getrennt in verschiedenen Becken zu hinterlassen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Braumeister vor Ort nicht im Bierrecycling betätigen!!!

Diese Wurstspezialitäten findet man auch in den vielen Metzgereien, Spezialitätengeschäften und sogar auf dem Wochenmarkt. Aus meiner Sicht braucht man aber für diese fettigen Würste nicht den Kofferraum leer räumen, um die Leckereien mit nach Hause zu nehmen. In der Toscana würde mir da die Entscheidung schon leichter fallen, eine Tasche mit den Klamotten meiner Frau für einen Karton Rosso von Villa Antinori mitzunehmen…..(ich hoffe, meine Frau liest das nicht!).

Die Speisekarten in den Restaurants der Region sind voll von deftigen Gerichten wie z.B. Krustenbraten, Schweinshaxe, Hirschfrikadellen und Heringen. Es gibt sicherlich Restaurants, die diese Gerichte auch lecker auf den Teller bringen….man muss nur etwas länger als gewohnt suchen. Darüber sind auch ein paar sehr gute Restaurants vorhanden (z.B. Braunschweiger Hof, Bad Harzburg), die neben der internationalen Küche auch mit regionalen Gerichten auf höherem Niveau punkten.

© gaumenschmaus.blog

Die süßen Naschkatzen müssen sich nach Quedlinburg begeben. Dort befinden sich direkt unterhalb des Schlosses zwei Hotspots, die eine Erwähnung verdienen. Wer auf Käsekuchen steht wird im Café Vincent fündig. Geworben wird mit 131 Käsekuchensorten, die natürlich nicht alle gleichzeitig verfügbar sind. Ich kam beim Zählen in den Vitrinen auf ca. 20 Stück. Das sollte aber doch reichen und lässt das Herz von Käsekuchenfans schneller schlagen!! Für 4,60 € habe ich ein relativ großes Stück mit Mango bestellt. Der Kuchen wird hier allerdings eindeutig in Masse gefertigt. Insofern darf man nicht zuviel bezüglich der Qualität erwarten. Aber für eine kleine Pause auf der Terrasse mit Blick auf das Schloss muss es ja auch nicht höchste Patisserie Qualität sein. Lecker ist der Kuchen allemal.

Keine 200 Meter entfernt findet man auf dem Schlossberg 29 ein sehr liebevoll eingerichtetes Puppenstubencafé mit dem Namen Frau Schnittchen. Wer größer als 1,50 m ist, der muss beim Eintreten in die gute Stube in der Hüfte in den 90 Grad Winkel abknicken! Die sehr nette Chefin war persönlich vor Ort und erläutert sehr gerne ihre feinen Kreationen wie z.B. die 6 verschiedenen Sorten Macrons, die leckeren Kuchen und auch das ein oder andere Stück wahre Patisseriekunst. Diese Location ist auf jeden Fall ein Abstecher wert…..bevor man sich beim Nachbarn ein riesiges Stück Käsekuchen einschmeißt und innerhalb kürzester Frist keine weiteren Kalorien vertragen kann 😉

Fazit: Der Harz ist bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Harzdrenalin) touristisch noch etwas angestaubt. Das Marketing der Tourismusvereine müsste hier deutlich modernisiert werden, um mehr Besucher in diese schöne Gegend zu locken. Der Einzelhandel und die Gastronomie könnten die Umsätze definitiv gut gebrauchen, um im 21. Jahrhundert anzukommen und das Gefühl, man befände sich noch in tristen DDR Zeiten, abzuschütteln. Dann könnte sich im Harz sicherlich auch eine Küche etablieren, die kreativ ist und trotzdem die Wurzeln der regionalen Küche nicht verrät.

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